Physiognomie & Physiognomik

Physiognomie

Aktualisiert am 5. Mai 2022
Veröffentlicht am 18. Dezember 2021

Zusammengefasst: Was ist Physiognomie & Physiognomik?

  • Als Physiognomie wird die äußere Erscheinung von Lebewesen bezeichnet – sowohl die Statur als auch spezifischen Gesichtszüge
  • Werden Details der körperlichen Erscheinung von Menschen sowie deren Gesichtszüge bestimmten Charaktereigenschaften zugeordnet, spricht man von Physiognomik
  • Auch Tiere und Pflanzen weisen eine standort- und arttypische Physiognomie auf
  • Chinesische Physiognom*innen unterteilen die Grundcharaktere von Menschen anhand der Gesichtszüge nach den 5 Elementen Metall, Feuer, Wasser, Erde und Holz

Was ist Physiognomie?

Als Physiognomie (von griechisch phýsis = Natur und gnomē = Wissen) wird generell die äußere Erscheinung von Lebewesen bezeichnet. Meist bezieht sich der Begriff auf das körperliche Erscheinungsbild von Menschen − sowohl auf deren Statur als auch auf die für jede Person spezifischen Gesichtszüge. Tiere und Pflanzen haben jedoch ebenfalls eine Physiognomie.

Die Physiognomie ihrer Mitmenschen hilft bereits Säuglingen, diese wiederzuerkennen und voneinander zu unterscheiden. Häufig schließen wir auch unbewusst von den physiognomischen Merkmalen anderer Personen auf deren Charaktereigenschaften, obwohl dieser Ansatz inzwischen aus wissenschaftlicher Sicht als widerlegt gilt: Hängende Mundwinkel zeugen als Gesichtsmerkmal längst nicht immer von chronisch schlechter Laune, und lange, feingliedrige Finger machen uns nicht automatisch zu Weltklasse-Pianist*innen.

Wesentlich ist die menschliche Physiognomie hingegen für die Auswahl der richtigen Matratze und weiterer Schlaf-Accessoires wie Lattenrost oder Kopfkissen: So passen manche Matratzentypen oder -materialien nicht zu jedem Körpertyp gleich gut, da sie Muskulatur und Wirbelsäule in unterschiedlicher Weise abstützen.

Ursprung: Geschichte der Physiognomik

Belegt sind systematische Versuche, Details der körperlichen Erscheinung von Menschen sowie deren Gesichtszüge bestimmten Charaktereigenschaften zuzuordnen, bereits aus der Antike. Diese Lehre, die zunächst eher als esoterische Geheimwissenschaft und erst später als Teildisziplin der Medizin betrieben wurde, nennt sich Physiognomik.

Gelehrte wie Aristoteles, Cicero oder Seneca katalogisierten akribisch ihre Beobachtungen an Hautbeschaffenheit, Körperstatur und Organen im Zusammenhang mit bestimmten Krankheitsbildern und seelischen Zuständen − und griffen offenbar auch auf noch ältere physiognomische Schriften zurück. Sie erhofften sich davon zuverlässigere Prognosen über Krankheitsverläufe, denn nur durch die treffsichere Kenntnis der Anzeichen unheilbarer Krankheiten bzw. eines bevorstehenden Todes konnten sich Ärzte deutlich von betrügerischen Quacksalbern abheben.

Die Physiognomik distanzierte sich im Verlauf des Mittelalters immer mehr von der Pathognomik, bei welcher aus der Physiognomie der grundlegende Charakter von Menschen abgeleitet wird. Die Mimik wurde dagegen sehr lange als Teil der Physiognomie angesehen, wie die im 3. Jahrhundert verfasste Schrift Physiognomonika, aber auch spätere Werke belegen. Erst 1524 konzentriert sich Erasmus in einer Studie über die Grimassen seiner Schüler ganz gezielt auf die Mimik allein und legte damit den Grundstein für viele ähnliche Betrachtungen in der Benimmlehre, aber auch diversen künstlerischen Richtungen wie Malerei und Theater.

Die Physiognomik der Renaissance orientierte sich schließlich an der Vorstellung, dass das Temperament vom Verhältnis der vier Säfte (Blut, gelbe und schwarze Galle sowie Schleim) abhängig sei. Das jeweilige Temperament sollte sich auch am Körpertyp erkennen lassen − eine Vorstellung, die den Maler Albrecht Dürer zur Erstellung einer umfassenden Proportionenlehre veranlasste. Auch Leonardo da Vinci befasste sich eingehend mit der Physiognomie, bezweifelte jedoch ihre Aussagekraft im Hinblick auf Charakter oder Seele.

Im 18. Jahrhundert landete der Schweizer Pastor Johann Caspar Lavater mit seinen Physiognomischen Fragmenten (1775–1778) einen Buch-Bestseller: Sein riesiges Bildarchiv zeigte Portraits und Silhouetten von bekannten Persönlichkeiten, Adeligen, Bürgern, einfachen Leuten, Verbrechern und sogar Tieren, deren Physiognomien er allesamt als eine Art göttlicher Zeichen interpretierte − eine esoterisch-okkulte Deutung, der aufgeklärte Geister wie der Göttinger Gelehrte Georg Christoph Lichtenberg vehement widersprachen.

Befeuert von Kolonialismus und neuen statistischen Methoden befassten sich im 19. Jahrhundert vor allem Biometrie (Vermessung der Merkmale von Lebewesen) und Verhaltensforschung mit der menschlichen Physiognomie. Dabei entstanden auch wirre Theorien, nach denen sich der sogenannte Verbrechertypus äußerlich von anderen Menschen unterscheiden lassen sollte − Ideen, die in den 1920er und 1930er Jahren durch die Nationalsozialisten freudig wieder aufgenommen und um rassistische und judenfeindliche Elemente aus den vorangegangenen Jahrhunderten ergänzt wurden.

Obwohl die moderne Forschung Zusammenhänge zwischen physiognomischen Merkmalen und charakterlichen Eigenschaften eindeutig widerlegt, finden sich manche dieser Theorien noch heute vereinzelt wieder − sei es beim Thema Menschenkenntnis im Bereich der Personalberatung oder in Online-Blogs selbsternannter Marketingexpert*innen. In den letzten Jahren erstarkt das Interesse an der physiognomischen Typisierung von Menschen durch die rasante Weiterentwicklung computerbasierter biometrischer Systeme erneut.

Besonderheiten Chinesischer Physiognomik

Auch in China gibt es schon seit tausenden Jahren Überlegungen zu Physiognomie und Persönlichkeit, die vermutlich dem Taoismus entspringen. Traditionell geht man in China davon aus, dass äußeres Erscheinungsbild, Persönlichkeit, Psyche und Lebenskraft untrennbar voneinander abhängen − so sollen die Gesichtszüge eine Verbindung zu den inneren Organen aufweisen. Bis heute populär ist neben dem Handlesen deshalb auch das Gesichtlesen, welches Aussagen über Gesundheit, Charakter und emotionalen Zustand einer Person ermöglichen soll.

Anhand ihrer Gesichtsmerkmale unterteilen chinesische Physiognom*innen die Grundcharaktere von Menschen nach den 5 Elementen: Metall, Feuer, Wasser, Erde und Holz. Die rechte Gesichtshälfte steht für das “öffentliche Gesicht“ während die linke Hälfte das „wahre Ich“ zeigt. Abgesehen davon achten die Deuter besonders stark auf Hautunregelmäßigkeiten wie Muttermale oder Narben, die auf Störungen des inneren Gleichgewichts hindeuten könnten. Ob im Geschäfts- oder Privatleben: Bis heute wählt man geeignete Partner*innen in China häufig mit Hilfe der physiognomischen Praktik des Gesichtslesens aus.

Physiognomie bei Tieren & Pflanzen

Da auch Tiere und Pflanzen eine standort- und arttypische Physiognomie aufweisen, lassen sich auf sie ebenfalls physiognomische Methoden anwenden. Anders als bei Menschen, bei denen vorrangig vom Gesicht auf die Charaktereigenschaften geschlossen wird, liegt der Blick bei Tieren eher auf dem Körperbau. Große, muskulöse Tiere mit glänzendem Fell und ausgeprägten Konturen sind gesund und kräftig − sie gelten zudem als Sinnbilder einer willensstarken, energischen Wesensart.

In der Physiognomie von Pflanzen drücken sich Einwirkungen von Klima und Bodenbeschaffenheit aus, da sich pflanzliche Organismen schnell an ihre jeweilige Umgebung anpassen. Die traditionelle Pflanzen-Physiognomik überträgt das Aussehen bestimmter Pflanzenteile wie Blätter oder Wurzel dagegen häufig auf Themen aus der alltäglichen Erfahrungswelt − so galt die Wurzel der hochgiftigen Alraune lange als zauberkräftig, weil sie der Gestalt kleiner Menschen ähnelt.

FAQ

Was sind physiognomische Merkmale?

Als physiognomische Merkmale gelten bei Menschen heute hauptsächlich die Gesichtszüge. Wie bei den Tieren gehört aber auch die komplette Körperstatur zu unseren physiognomische Merkmalen. Bei Pflanzen hingegen liegt das Augenmerk auf der Form und Färbung einzelner Pflanzenteile wie Blätter, Stamm oder Wurzel.

Was sagt unser Gesicht über uns aus?

Geschlecht und ethnische Herkunft eines Menschen lassen sich heute anhand von Computersystemen, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, bereits sehr treffsicher analysieren. Die Klassifizierung unterschiedlicher Charaktere rein anhand physiognomischer, genetisch überlieferter Merkmale wie Gesichtsform oder Augenabstand bleibt dagegen sehr umstritten. Mehr Aussagekraft hat unsere Mimik, die Emotionen anhand von Muskelbewegungen im Gesicht nach außen trägt.

Wer schrieb ein Werk über die Deutung des Charakters eines Menschen aus dessen Gesichtsform?

Der Zürcher Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater (1741−1801) verfasste mit dem vierbändigen, nahezu 2000 Seiten starken Werk Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe eine Anleitung zur Erkennung verschiedener Charaktere anhand von Gesichtszügen und Körperformen. Die von ihm entworfene Theorie der Physiognomik wurde von zeitgenössischen Denkern wie Goethe, Lichtenberg und Humboldt sehr kontrovers diskutiert.

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