Schlafwandeln

schlafwandeln

Grundlagen Schlafwandeln


Definition Schlafwandeln

Schlafwandeln bezeichnet sich wiederholende Verhaltensweisen aus dem Schlaf heraus, bei denen der/die Betroffene auch das Bett verlassen kann, ohne dass dies mit einem klaren Bewusstsein geschieht. Die Augen sind geöffnet, die Umgebung wird zwar wahrgenommen, allerdings nicht umfassend. Während der Episode des Schlafwandelns geht der Schlafwandelnde meist komplexen Verhaltensmustern nach. Der Gesichtsausdruck ist eher starr und leer. Die Episode dauert zumeist Sekunden bis Minuten, seltener bis zu einer Stunde oder länger. Innerhalb des Bettes kommt es häufig zu: Um sich schauen mit ausdruckslosem Gesicht, Zupfen an der Bettdecke, Sortieren der Kissen oder auch zum Aufrichten. Wird das Bett verlassen, versuchen Schlafwandler zum Teil sinnvolle Handlungen zu vollführen. Berichtet wurde über die Zubereitung von Essen, dem Versuch, ein Instrument zu spielen oder das Haus bzw. die Wohnung zu putzen. Es ist auch schon vorgekommen, dass versucht wurde, Auto zu fahren. Auf äußere Reize reagiert der Schlafwandler nicht oder nur vermindert. Das trifft auch auf eine Ansprache mit seinem Namen zu. Am nächsten Morgen werden die Ereignisse in der Regel nicht erinnert.

Exkurs: Die Redewendung "schlafwandlerische Sicherheit"

Immer wieder liest man Formulierungen wie: "Müller verwandelte den Elfmeter mit schlafwandlerischer Sicherheit". Das soll uns sagen, dass jemand seine Sache "wie im Schlaf" beherrscht, die Fehlerquote also sehr gering ist. Das Schlafwandeln hat allerdings mit dieser Form der souveränen Sicherheit in der Realität wenig zu tun. Schlafwandler bewegen sich zwar im Tiefschlaf, doch die Orientierung ist wenig ausgeprägt. Die Bewegungsrichtung ist geradeaus, auch wenn sich nicht wirklich ein Weg ebnet. Daher sind Kollisionen mit eigentlich vertrauten Gegenständen nicht selten. Auch zu Treppenstürzen ist es schon gekommen. Die Sehkraft scheint während der Episoden ebenfalls eingeschränkt zu sein. Die Aktivitäten können spontan aufhören, was dazu führt, dass sich der nächtliche Wanderer auch einmal an ungewöhnlichen Orten niederlässt oder schlicht und einfach wieder ins Bett zurückkehrt. Sollte der Schlafwandler plötzlich geweckt werden, ist er für einige Zeit desorientiert. Es kann auch vorkommen, dass er sich zur Wehr setzt, wenn er aufgehalten wird oder Weckversuche stattfinden.

Schlafwandeln: Entstehung, Häufigkeit & Abgrenzung


Wie entsteht Schlafwandeln?

Das bekannte Bild vom Schlafwandler im Nachthemd, der auf dem Dach mit einer Kerze in der Hand den Mond anstarrt, hatten wir in der Einleitung bereits angesprochen. Und tatsächlich suchte man früher den Grund für das Schlafwandeln in der sog. Mondsucht und damit in der Anziehungskraft des Mondes. Der Mondsüchtige wurde dann abgelöst durch den Traumwandler. Soll heißen, dass sich die Auffassung verbreitete, dass der nächtliche Wanderer seine Träume auslebt, also animiert ist von den nicht willentlichen Trauminhalten und versucht, ihnen im wahrsten Sinne des Wortes nachzugehen.

Erst mit Untersuchungen im modernen Schlaflabor wurden diese Erklärungsmuster revidiert. Es konnte nachgewiesen werden, dass Schlafwandeln nicht im traumintensiven REM-Schlaf, sondern im Tiefschlaf oder dem normalen Schlaf stattfindet. Traumartige Erinnerungen hat der Schlafwandler auch eher selten.

Was aber ist dann verantwortlich für das Schlafwandeln?

Man nimmt an, dass das Gehirn nach einem inneren oder äußeren Weckreiz nicht vollständig erwacht, also gewissermaßen eine Aufwachstörung vorliegt. Relativ komplexe Verhaltensweisen sind die Folge und gehen einher mit einer nachfolgenden Amnesie, also einer fehlenden Erinnerung an das soeben Erlebte.

Was sind die Ursachen für das unvollständige Aufwachen? Hier scheint es so zu sein, dass die Wissenschaft bis heute keine ausreichend belastbare Antwort gefunden hat. Es gibt Annäherungen und Wahrscheinlichkeiten. Sehr wahrscheinlich ist z.B., dass genetische Faktoren eine Rolle spielen.  80% der Schlafwandler haben eine weitere Person in der Familie, die schlafwandelt.  Auch vermehrter Stress kann zur Zunahme von Schlafwandelepisoden führen wie Patienten berichten. Angesprochen wurden in diesem Zusammenhang beruflicher oder privater Stress, auswärtiges Übernachten oder z.B. die Einschulung der Kinder. Schlafwandeln entsteht aus dem Tiefschlaf heraus. Kommt es zu einer Schlafvertiefung, kann darin auch ein fördernder Faktor liegen. Der Schlaf wird vertieft, wenn vorher ein Schlafentzug vorgelegen hat, etwa durch eine durchwachte Nacht oder durch ausgeprägten Alkoholgenuss, Medikamente, die beruhigen oder auch durch Fieber.

Wie häufig ist Schlafwandeln?

Im Kindes- und Jugendalter kommt es häufiger zum Schlafwandeln. 15 – 30% aller Kinder haben zumindest eine Episode von Schlafwandeln, 3-4% haben häufiges Schlafwandeln. Nach dem 10. Lebensjahr nimmt die Häufigkeit des Schlafwandelns ab. Die meisten Betroffenen sind dann symptomfrei. Bei 1% der Betroffenen bleibt das Schlafwandeln allerdings bis in das Erwachsenenalter hinein bestehen.

Ein erstmaliges Auftreten im Jugend- oder Erwachsenenalter, besonders aber nach dem 60. Lebensjahr ist ungewöhnlich. Daher sollte man ausschließen, dass es sich um andere Störungsbilder handelt, die mit dem Schlafwandeln verwechselt werden können.

Was kann mit Schlafwandeln verwechselt werden?

Dass jemand aus dem Schlaf heraus komplexen Verhaltensweisen nachgeht, kann auch andere Ursachen haben als das Schlafwandeln. Daher ist eine umfassende schlafmedizinische Diagnostik unerlässlich. Es ist z.B. möglich, dass es sich um epileptische Anfälle handelt. Bei Männern im höheren Lebensalter kommt auch die REM-Schlaf-Verhaltensstörung vor, die mit dem Schlafwandeln verwechselt werden kann. Der Betroffene bewegt sich aufgrund eines intensiven Trauminhalts, während die Umgebung kaum oder gar nicht wahrgenommen wird. Schlafmitteleinnahme kann ebenfalls nächtliche Verwirrtheitszustände auslösen.

Aufwachstörung - Nächtliches Aufschrecken und Schlafwandeln

Beim Schlafwandeln ist zu beobachten, dass das Gehirn halb schläft und halb wach ist. Deshalb gibt es nicht wenige Forscher, die das Schlafwandeln auch als Aufwachstörung bezeichnen. Ein ähnliches Bild weist der sog. Pavor nocturnus, auch bekannt als "Nachtschreck" auf. Gemeint ist damit ein nächtliches Aufschrecken aus dem Tiefschlaf, zumeist in der ersten Nachthälfte. Betroffene können sich meist nicht an einen einzelnen Traum erinnern, sondern haben in der Regel einzelne bedrohliche Bilder vor Augen. Wird weitergeschlafen, verschwindet das Geschehen oftmals komplett aus dem Gedächtnis. Dieses nächtliche Aufschrecken kann in Schlafwandeln übergehen.

Diagnose & Behandlungsmöglichkeiten


Diagnose

Per Diagnose muss geklärt werden, ob der Betroffene tatsächlich unter Schlafwandeln leidet und kein anderes Störungsbild vorliegt. Dazu wird von medizinischen Experten eine Anamnese vorgenommen, die sowohl den Schlaf als auch mögliche Medikamenteneinnahme betrifft. Dazu kann eine Untersuchung in einem Schlaflabor mit nächtlicher Video-Überwachung erforderlich sein. Eine folgende Behandlung verfolgt das Ziel, die körperliche und geistige Anspannung zu reduzieren, Verletzungen auszuschließen und den Schlafrhythmus zu normalisieren.

Umgang mit dem Schlafwandler

Wer nachts einem Schlafwandler gegenüber steht, sollte den Betroffenen nicht Hals über Kopf wecken. Es sei denn, es handelt sich um akute Notfälle. Der Schlafwandler sollte ruhig mit seinem Namen angesprochen und mit einer beruhigenden Ansprache zurück in das Bett begleitet werden.

Raumsicherung

Aus dem Schlafzimmer des Betroffenen sollten Möbel und Gegenstände, die eine Verletzungsgefahr mit sich bringen, entfernt werden. Fenster und Türen sollten durch Schlösser o.ä. gesichert werden. Insbesondere dann, wenn sie in Räume führen, die eine erhöhte Gefährdung schnell möglich machen wie etwa die Küche oder der Hobbyraum.

Manchmal kann es auch Sinn machen, einen Zweitschlüssel am Bein des Betroffenen zu fixieren, um beim Ausschließen aus der Wohnung eine Lösung parat zu haben. Bei nachweislich gefährlichem Schlafwandeln ist es womöglich nützlich, den Betroffenen durch leichtes Anbinden an das Bett vor allzu  heftigen Impulsen zu schützen.

Schlafhygiene

Um die Tiefschlafmenge nicht unnötig zu erhöhen, sollte ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus eingehalten und Schlafdefizite sollten vermieden werden. Auch ein Kurzschlaf am Tag kann in diesem Zusammenhang nützlich sein. Ebenso sollten Substanzen, die den Tiefschlaf vermehren, nicht eingenommen werden wie z.B. Alkohol oder Medikamente.

Entspannungsverfahren

Physischer und psychischer Anspannung sollten entgegengewirkt werden. Dazu ist das Erlernen eines Entspannungsverfahrens empfehlenswert wie z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder Meditation. In diesem Zusammenhang kann es sinnvoll sein, dem Körper ein neues Verhaltensmuster anzutrainieren etwa durch das ständige Wiederholen und bildliche Vorstellen des Satzes: „Wenn meine Füße den Boden berühren, wache ich vollständig auf.“

Psychotherapeutische Behandlung

Je nach individueller Disposition kann eine kognitive Verhaltenstherapie durch ärztliche Psychotherapeuten dabei helfen, Stress- und Konfliktsituationen besser zu bewältigen. Das kann dann in der Folge dazu führen, dass die Häufigkeit der schlafwandlerischen Episoden abnimmt.

Medikamentöse Therapie

Eine Einnahme von Medikamenten sollte nur unter ärztlicher Aufsicht stattfinden. Medikamente helfen zunächst einmal nur beim Umgang mit den Symptomen, nicht bei der Heilung der Störung. Sie können zu einer Beruhigung der Ereignishäufigkeit führen. Allerdings kann eine längerfristige Einnahme zu einem Gewöhnungseffekt oder sogar zu einer Abhängigkeit führen. Daher sollte dieser Therapieansatz nur in enger Zusammenarbeit mit einem Experten stattfinden.

Ausblick


Schlafwandler finden sich in einem Zustand wieder, der ihnen selbst und auch der medizinischen Forschung Rätsel aufgibt. Was geht in mir vor? Was ist mit mir los?

Irgendwie wird man sich selbst verdächtig. Das ist sicher kein schöner Gedanke. Umso wichtiger, dass dieses Thema nicht tabuisiert wird. Die Wissenschaft weiß heute, dass das Schlafwandeln aus dem Tiefschlaf heraus auftritt. Das lässt sich z.B. durch die Elektroenzephalografie (EEG) nachweisen. Man vermutet genetische Veranlagung als Ursache, aber auch innere und äußere Komponenten, die ein erhöhtes Tiefschlafvorkommen zur Folge haben, spielen eine Rolle. Die relativ junge Schlafforschung ist dabei, die rätselhaften Phänomene des Schlafwandelns zu entschlüsseln. In hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft wissen wir mehr.

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