Schlafen Raucher schlechter?

Zuletzt aktualisiert am 31. Mai 2021
Veröffentlicht am 31. Mai 2021

Sobald man raucht, erreicht Nikotin sekundenschnell das Gehirn. Raucher*innen erleben diesen Moment als wohltuend und entspannend. Nikotin aktiviert Neurotransmitter wie z. B. Dopamin, die für dieses gute Gefühl sorgen. Damit greift das Nikotin aber auch in biochemische Regulierungen ein, die für den Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich sind. Wissenschaftliche Studien belegen, dass insbesondere starke Raucher schlechter schlafen.

Schlafen Raucher wirklich schlechter?

Jetzt noch schnell auf den Balkon, eine Zigarette rauchen, runterkommen und dann – ab in’s Bett. Kommt Dir das bekannt vor?

Es dürfte viele Menschen geben, für die die Zigarette vor dem Schlafengehen ein festes Ritual ist. Eine gute Idee? Wir nehmen den Weltnichtrauchertag am 31.Mai 2021 zum Anlass, um das Verhältnis von Rauchen und Schlaf genauer zu betrachten. Wie Du Dir denken kannst, ist auch die Wissenschaft nicht untätig in dieser Frage. Schauen wir uns an, wie sich das Rauchen auf den Schlaf auswirkt. Keine Sorge, auch wenn Du rauchst, erwartet Dich keine Moralpredigt, eher eine Bestandsaufnahme.

Kurze Geschichte des Rauchens

Um Tabak zu erzeugen benötigt man die gleichnamige Pflanze. Im Gegensatz zum Alkohol war der Konsum von Tabak in Europa bis zur frühen Neuzeit unbekannt. Nachdem Amerika 1497 von Kolumbus entdeckt wurde, zog auch die Tabakpflanze Interesse auf sich. Vor allem durch die medizinische Anwendung. Bis Ende des 17. Jahrhunderts war der legale Tabak-Verkauf nur Apotheken gestattet. Medizinisch genutzt wurde Tabak vor allem aufgrund der schmerzstillenden und euphorisierenden Wirkung. Zunächst durch Soldaten, dann aber auch in der Zivilbevölkerung wurde der Tabak zum alltäglichen Genussmittel. In der Pfeife sowie als Kau- und Schnupftabak begann der allmähliche Siegeszug des Genussmittels. Die bereits im 18. Jahrhundert eingeführte Tabaksteuer erwies sich dabei als wichtige wirtschaftliche Einnahmequelle.

Siegeszug der Zigarette

Als es Mitte des 19. Jahrhunderts möglich wurde, Zigaretten industriell zu produzieren und damit in Masse zu fertigen, nahm der Konsum exponentiell zu. Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs diente das Nikotin vor allem Soldaten als eine Art Stimmungsaufheller. Hungergefühle und Müdigkeit wurden bekämpft. Tabak diente als zudem als Beruhigungsmittel. Erst an der Front lernten zahlreiche Männer das Zigarettenrauchen kennen. Überhaupt war die Zigarette mit dem beschleunigten Tempo der Moderne gut in Einklang zu bringen. Schon allein wegen der Vorbereitung dauerte das Rauchen der Pfeife länger. Auch die Zigarre kostete Zeit. Und Zeit hatten viele Menschen in den damaligen Verhältnissen nicht mehr im Übermaß. Auch wenn es komisch klingt, könnte man sagen: Die Zigarette war das richtige Produkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wegen des völligen Zusammenbruchs des Geldverkehrs und dem Kollaps der Wirtschaft wurden im Nachkriegsdeutschland Zigaretten sogar zu einer Art Zweitwährung. Der Zigarettenschmuggel hatte seine Hochphase. Rauchen war regelrecht angesagt. Studien über die gesundheitliche Risiken, die es auch damals schon gab, verschwanden aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit. Der Raucher hatte ein cooles Image, das dann im weiteren Verlauf der Geschichte durch zahlreiche Filme, in Werbung oder Talkshows ständig reproduziert wurde.

Das Bild der Zigarette dreht sich

Das Ansehen des Rauchens hat sich heute gewandelt. Rauchen kann tödlich sein, das prangt mittlerweile als abschreckende Botschaft sogar auf den Zigarettenschachteln selbst. An vielen Orten des sozialen Zusammenlebens herrscht ein striktes Rauchverbot. Fragen wir uns also an dieser Stelle: Warum rauchen Menschen eigentlich (immer noch)? Schauen wir uns die Gründe an – ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Warum rauchen Menschen?

Das öffentliche Bild über das Rauchen hat sich heute erheblich gewandelt. Es lässt sich selbst bei bestem Willen nicht übersehen, dass der Tabakkonsum der Gesundheit abträglich ist. Heute ist wissenschaftlich gut erforscht, was einen gesunden Lebensstil auszeichnet. “Normalgewicht, Nichtrauchen und wenig Alkohol bringen viel gesunde Lebenszeit”. so sie Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft. Sie gehen davon aus, dass ein gesunder Lebensstil die Lebenserwartung um rund sieben Jahre erhöht. Ohne in eine philosophische Grundsatzdebatte abzudriften, müssen wir dennoch festhalten, dass die Sünde bzw. Grenzüberschreitung mitten im tugendhaften Leben offenbar einen hartnäckigen Reiz entfaltet. Fragen wir uns also an dieser Stelle, warum Menschen rauchen. Was sind die Gründe für die vermeintliche Unvernunft. Die Süddeutsche Zeitung hat einfach mal Menschen gefragt. Im Folgenden einige O-Töne aus dem Artikel:

“Ich rauche seit 44 Jahren und freue mich jeden Morgen auf meinen Kaffee und die erste Zigarette dazu. Für mich ist Rauchen ein Ritual, das Erlebnisse noch schöner macht, zum Beispiel die Zigarette nach einem leckeren Essen. Rauchen ist für mich Entspannung… Das ist schön, wie ein kleiner Rückzug in sich selbst.”
Dorothea, 60, Rentnerin

“Weil ich die Zigarettenpausen kreativ zum Nachdenken oder zum Redigieren nutze. Weil ich vor dem Haus immer nette Leute treffe, die das Laster mit mir teilen. Weil deren Horizont oft weiter ist als von den anderen spaßbefreiten Vögeln, die nicht rauchen. Weil ich die Zigarette ganz cool im Mundwinkel halten kann.”
Olaf, 42, Journalist

“Ich schätze, ich habe damit angefangen, weil Rauchen cool und erwachsen auf mich gewirkt hat, weil man nur auf dem Oberstufenschulhof rauchen durfte… Heute rauche ich vermutlich, weil ich abhängig bin, weil ich keine gesundheitlichen Auswirkungen bemerke, weil ich Verzicht langweilig finde und weil man Laster haben darf und nicht hundert Prozent optimiert sein muss.”
Michaela, 35, Psychotherapeutin

“Rauchen gehört für mich zum Lebensgefühl. Es mag nicht klug und garantiert nicht gesund sein, aber es hilft mir, mich zu entspannen. Wenn im Studium oder während der Arbeit ein scheinbar unlösbares Problem auftaucht, erledigt es sich häufig mit einer Zigarettenpause von selbst. Die Denkblockade löst sich in Rauch auf.”
Marco, 32, Student

“Rauchen verbinde ich mit Entspannung. Diese zehn Minuten gehören mir allein. Wenn ich sehr im Stress bin, bedeutet das Rauchen ein Ausgleich für mich. Ich kann mit komplizierten Dingen dann besser umgehen.”
Aphrodite, 23, Studentin

Auch wenn diese Aussagen nicht repräsentativ sind, darf man vermuten, dass die meisten Raucher*innen solche oder ähnliche Gründe für ihren Griff zur Zigarette vortragen würden. Gesehen wird immer die unmittelbare Wirkung der Zigarette, das Wohlbefinden, das sich einstellt, das Gefühl, einfach mehr Lebensqualität zu haben. Eine solche Verplausibilisierung ist menschlich nur allzu verständlich bis hin zum poetischen Bonmot eines Mark Twain: “Ich verzichte auf den Himmel, wenn ich dort keine Zigarren rauchen darf”.

Was wohl die meisten Raucher*innen dabei allerdings übersehen: Die Zigarette behebt ein Unwohlsein, das sie selber herstellt. Ganz schön raffiniert, was die Kippe da anstellt. Darum wollen wir uns jetzt kurz anschauen, was beim Rauchen eigentlich genau passiert.

Was passiert beim Rauchen?

Der Tabak glimmt, Nikotin wird freigesetzt. Über winzige Teerteilchen im Rauch gelangt es in die Lunge und von dort ins Blut. Normalerweise stoppt die Blut-Hirn-Schranke viele Giftstoffe. Anders beim Nikotin. Da Nikotin die Blut-Hirn-Schranke überwindet, erreichen die Nikotin-Moleküle schon ca. sieben Sekunden später das Gehirn. Dort angekommen aktivieren sie im Nervensystem sogenannte nikotinische Acetylcholin-​Rezeptoren. Vereinfacht gesagt tut das Nikotin nun so, als sei es Acetylcholin, denn durch diesen Stoff werden die Rezeptoren normalerweise gebunden. Acetylcholin ist als Neurotransmitter wichtig für die Regulation vieler Körpervorgänge. Neurotransmitter wiederum sind biochemische Stoffe, die Reize von einer Nervenzelle zu einer anderen weitergeben bzw. verstärken.

Hat das Nikotin sozusagen angedockt, werden unterschiedliche Botenstoffe freigesetzt wie zum Beispiel Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin oder Serotonin. Die Dopamin-Produktion zum Beispiel sorgt für ein unmittelbares Wohlgefühl bzw. für die Empfindung einer Beruhigung. Nikotin wirkt also auf das “Belohnungszentrum” des Gehirns und darüber hinaus anregend auf Hirnareale, die für Wachheit und die Steigerung der Aufmerksamkeitsleistung sorgen. Insofern liegen hier die physiologischen Gründe für die Aussagen der Raucher*innen, die wir vorhin zitiert hatten.

Rauchen – eine On/Off-Beziehung

Der entscheidende Punkt ist: Nikotin wird im Körper auch schnell wieder abgebaut. 30 bis 60 Minuten dauert das in der Regel. Die Leber filtert den Schadstoff Nikotin aus dem Blut und wird – nebenbei bemerkt – auch belastet. Bereits beim Nikotinabbau entwickelt sich ein neues Rauchverlangen, da z.B. der Dopaminlevel sinkt. Bleibt der Nachschub zu lange aus, treten Entzugssymptome auf wie Unruhe, Gereiztheit, Unkonzentriertheit usw. Das naheliegendsten für die Raucher*innen unter uns ist jetzt in der Regel, den Entzug durch neuen Bezug zu vermeiden. So gewöhnt sich der Mensch an das Rauchen. Wie ein trojanisches Pferd hat sich das Nikotin in unseren Körper geschlichen und beherrscht nun einen Teil der Neurotransmitter, also jener Überträgerstoffe, die wichtige Funktionen für unseren Körper regulieren.

Das ist auch im Hinblick auf den Schlaf nicht folgenlos.

Was passiert beim Schlafen?

Auch wenn das Wort Schlaf ursprünglich von “schlaff sein” kommt, ist der Schlaf ein sehr aktiver Funktionszustand des Körpers. Forscher und Mediziner wissen heute, dass verschiedene Areale des Gehirns sowie Botenstoffe, also biochemische Substanzen an der Einleitung und Durchführung des Schlafes beteiligt sind. Schlaf hält uns gesund. Im Schlaf wird das Immunsystem aktiviert, Wunden heilen, Haut und Haare wachsen nach, die Psyche regeneriert und Stoffwechselprodukte sowie schadhafte Zellen werden abgebaut. Wenn das nichts ist. Schlaf ist also nicht Abzug vom Leben, sondern Leben pur.

Dabei durchläuft der/die Schläfer*in regelmäßig und mehrfach verschiedene Schlafstadien. Sie bestehen aus dem Einschlafstadium, dem leichten Schlaf, dem Tiefschlaf und dem REM-Traumschlaf. Diese Schlafstadien bilden einen Kreislauf, der etwa 90 Minuten dauert und sich mehrfach pro Nacht wiederholt. Gesteuert wird das auch durch Schlaf-Wach-Hormone wie etwa Melatonin und Serotonin.

In diesem strikt geregelten Ablauf wachen wir auch öfter auf. Meistens, ohne es wirklich zu bemerken. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich zu überlegen, was starke Raucher*in empfinden, wenn sie in einen solchen kurzen Wach-Moment geraten. Genau: Wo ist die nächste Zigarette? Rauchen und Schlafen – das ist kein Traumpaar.

Rauchen und Schlafen

Wie schon erwähnt, übernimmt die Zigarette besonders bei starken Rauchern einen Teil der Regie im Maschinenraum der Neurotransmitter. Das wirkt sich auch auf das Schlafverhalten aus, wie eine Fall-Kontroll-Studie von verschiedenen Wissenschaftlern belegt. Je stärker die Nikotinabhängigkeit, desto kürzer der Schlaf – so das Fazit ihrer Untersuchungen. Nikotin macht wach, das Einschlafen wird nach dem Gute-Nacht-Schmöken schwieriger. Stefan Cohrs, einer der beteiligten Wissenschaftler kommt zu dem Ergebnis: „Stark abhängige Raucher schlafen schlechter als die weniger stark abhängigen und insbesondere sehen wir da auch einen Zusammenhang mit der Schlafdauer.“ 28 Prozent der Raucher berichten von Schlafproblemen, aber nur 19 Prozent der Nichtraucher. Mehr als doppelt so viele Raucher wie Nichtraucher kommen auf weniger als sechs Stunden Schlaf pro Nacht.

Wie bereits ausgeführt aktiviert Nikotin verschiedene Botenstoffe im Gehirn. Dazu gehören auch Adrenalin, Noradrenalin und Serotonin, also Stoffe, die auch an der Regulierung des Schlafs beteiligt sind. In das fragil abgestimmte System dieser Regulierung greift das Nikotin ein, je mehr, desto mehr der Mensch raucht. Zu untersuchen bleibt, wie genau hier die Zusammenhänge sind. Dennoch ist klar: Wer raucht, läuft Gefahr, schlechter zu schlafen.

Fazit

Du kannst die Zigarette drehen und wenden, wie Du willst – Rauchen ist einfach nicht gesund. Auch auf den Schlaf wirkt sich der Tabakkonsum negativ aus. Je mehr man raucht, desto mehr läuft man Gefahr, schlechter zu schlafen. Die daraus resultierende Tagesmüdigkeit sorgt dann oft dafür, dass man häufiger zum Wachmacher Zigarette greifen muss. Kein schöner Kreis, der sich da schließt. Wer mit dem Rauchen aufhören möchte, findet hier weitere Informationen. Wer das Risiko weiter eingehen will, dem sei gesagt, dass wir es nicht weitererzählen werden.

FAQ

Wie lange vor dem Schlafen sollte man nicht rauchen?

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) empfiehlt, grundsätzlich nicht vor dem Schlafengehen oder während der Nacht zu rauchen. Nikotin ist ein Anregungsmittel, das den Schlaf stören und aufgrund von Entzugserscheinungen unterbrechen kann.

Kann Rauchen Schlafstörungen verursachen?

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Raucher häufiger an Schlafstörungen leiden und schlechter ausgeruht in den Tag starten. Auch wenn das Nikotin zunächst berauscht und ein Wohlbefinden stiftet, so stören dann doch die Entzugserscheinungen die Nachtruhe.

Sind Raucher öfters müde?

Rauchen kann in der Konsequenz tatsächlich müde machen. Denn starke Raucher schlafen schlechter als Nichtraucher. Darum sind sie tagsüber öfter müder und unkonzentrierter. Um sich dennoch wach zu halten, greifen sie daher schneller zur nächsten Zigarette. Ein Teufelskreis.