Klarträume

KLARTRÄUME (LUZIDE TRÄUME) – EINFÜHRUNG


Vielleicht erinnerst Du Dich noch an den sehr erfolgreichen Hollywood Film Inception. Im Mittelpunkt des Blockbusters stand eine Gruppe von Protagonisten (u.a. Leonardo DiCaprio), die per Traum in die Träume anderer Menschen eindrangen, um sie gemäß ihrem Auftraggeber zu lenken und zu verändern. Ein Beispiel dafür, wie das Thema Klartraum künstlerisch bearbeitet wird. Ein reizvolles, ein spannendes Thema, das auf den ersten Blick viele Rätsel aufwirft. Einen Traum zu steuern erfordert bewusste Klarheit über die jeweilige Traumsituation. Wie soll das gehen? Kann man wach sein, während man schläft? Das hört sich widersprüchlich an. Kein Wunder, dass der Klartraum (oder auch luzider Traum) lange ein Außenseiterdasein in der wissenschaftlichen Erforschung geführt hat. Das hat sich geändert. Was also hat es mit dem Klartraum auf sich.

Sind Klarträume überhaupt relevant?

Wenn ich schlafe, will ich meine Ruhe. Ich habe tagsüber schon so viel zu tun, da will ich mir über meine Erholungsphasen nicht auch noch den Kopf zerbrechen.

Menschen, die so denken, kann man nur allzu gut verstehen. Denn es ist angenehm, einfach mal abzuschalten und einfach nur seine Ruhe zu haben. Der geneigte Leser wird es ahnen, jetzt kommt ein ABER. Genau, und es kommt von einem der Urväter der Klartraumforschung Paul Tholey. In seinem lesenswerten Buch „Schöpferisch träumen – Der Klartraum als Lebenshilfe“ formuliert er eine interessante Analogie, die wir hier aufgreifen:

Eigentlich weiß jeder Mensch, dass er sich zwischen 20 und 30 Jahre seines Lebens dem Schlaf widmet. Nimmt man jetzt die Traumerinnerung hinzu, so kann man sagen, das Menschen ungefähr 4 Jahre ihres Lebens verträumen. Sie befinden sich, so könnte man sagen, im Traumland. Nun werden viele von diesen Menschen etwa über einen längeren Auslandsaufenthalt sagen, dass er sie sehr geprägt hat. Sie haben neue Erfahrungen gemacht, Anregungen erfahren, das zunächst Fremde in Vertrautes verwandelt und ein Stück Lebensidentität gewonnen. Urlaubszeit ist natürlich Lebenszeit.

Das Ausland hat sich als Chance gezeigt. Und das Traumland, jenes Gebiet, in dem wir 4 Jahre unseres Lebens verbringen? Tholey sieht es als eine ebenso große Chance, für das eigene Leben zu profitieren. Folgen wir ihm also und schauen uns die Traumwelt und besonders die Klarträume nun genauer an.

KLARTRÄUME – DEFINITION

Blickt man in die Fachliteratur zu diesem Thema, so werden verschiedene Definitionen diskutiert. Als Basisdefinition gilt dabei in der Regel immer: Ein luzider Traum ist ein Traum, in dem der Träumende während des Traums weiß, dass er träumt. Nun kann der Gedanke, dass man träumt, häufiger im Traum auftreten, ohne dass es sich dann schon um einen Klartraum handeln würde. Daher sind von Experten weitere Zusatzkriterien formuliert wurden.

  1. Klarheit über den Bewusstseinszustand. D.h., man weiß, dass man träumt;
  2. Klarheit über die eigene Entscheidungsfreiheit. D.h., man entscheidet über Flucht, Konfrontation oder Annäherung etwa bei einer Begegnung mit einer (Alp)Traumfigur;
  3. Klarheit des Bewusstseins, im Gegensatz zum Verwirrtheits- oder Dämmerzustand;
  4. Klarheit über das Wachleben. D. h., man weiß wer man ist und was man sich für diesen Traum vorgenommen hat;
  5. Klarheit der Wahrnehmung. Man sieht, hört, riecht, schmeckt und fühlt;
  6. Klarheit der Erinnerung an den Traum.

 

KLARTRAUM – EIN BEISPIEL


Damit die o.g. Definition eines Klartraums etwas greifbarer wird, schauen wir einen Klartraum genauer an. Das Beispiel ist der lesenswerten Doktorarbeit von Daniel Erlacher entnommen.

„Ich stehe an meinem Fenster und schaue nach draußen auf die Straße. Dort laufen eine Menge Leute herum und es schneit. Beides kommt mir sehr seltsam vor, bis es mir plötzlich in den Kopf schießt: ”Ich muss träumen!“. Ich beschließe, nach draußen zu gehen, und gehe auf den Flur. Dort sehe ich, dass es in der Küche stockdunkel ist. Ich werde neugierig und gehe in die Küche. Ich versuche das Licht anzuschalten, was mir jedoch nicht gelingt. Dann fällt mir ein, dass es im Traum ja gewisse Probleme mit Lichtschaltern gibt. Daher drehe ich mich kurz um, drücke erneut den Lichtschalter und schaue wieder in die Küche: Jetzt ist das Licht an. Ich verlasse die Küche und will nach draußen. Allerdings kommt mir der Gedanke: ”Ich könnte ja genauso gut nach unten schweben, anstatt zu laufen“. Ich setzte mich im Schneidersitz vor die Treppe und versuche zu schweben. Dies gelingt mir auch – allerdings wird mir plötzlich wahnsinnig schwindelig und alles fängt an zu verschwimmen …“

 Der Träumer erkennt hier, dass er träumt. Er ist Subjekt seiner Handlung und entscheidet sich willentlich dafür, was er als nächstes tun will. Zudem erkennt er, dass in seinem Traum andere Gesetzmäßigkeiten gelten als in seinem wachen Alltag. Er hat Lust, nach „unten zu schweben, anstatt zu laufen“. Darüberhinaus kann er sich nach dem Erwachen an den Klartraum erinnern. Somit sind die Kriterien für einen Klartraum, die oben ausgeführt wurden, in diesem Beispiel erfüllt.

KLARTRAUM VS. TAGTRAUM

Da sitzt Du im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Gegenüber plappernde Teenager, neben Dir ein akkurater Geschäftsmann in Duftweite. Das ist eine schöne Gelegenheit, um der wenig inspirierenden Atmosphäre zu entfliehen und ein wenig vor sich hin zu träumen. Zum Beispiel vom nächsten Urlaub. Von der großen Veranda direkt am Meer und der schönen Hängematte.

Ein Traum, ein klarer Traum, aber eben ein Tagtraum. Dieser Tagtraum vollzieht sich im wachen Bewusstsein. Die Funktion ist hier schlicht eine kleine Flucht aus der Alltagsrealität. Auch wenn die Definitionen über den Klartraum hier zutreffen, so fehlt eine entscheidende Bedingung: der Schlaf. Auch Tagträume können sehr interessant und spannend sein, sie sind allerdings von Klarträumen – klar – zu unterscheiden.

KLARTRAUM UND SCHLAFPHASEN


Mit dem Schlafenden kann man nicht sprechen, dann würde er ja aufwachen und wäre kein Schlafender mehr. Der Schlafende kann also in Echtzeit nicht wiedergeben, was er gerade durchlebt, ob er träumt, in sich ruht, schweißgebadet Angstzustände erlebt o.ä.

Wissenschaftlich betrachtet liegt der Traum damit in der subjektiven Unzugänglichkeit. Ein wenig salopp formuliert könnte man sagen, man kommt dem Traum nicht auf die Schliche, aber man kann ihn „umzingeln“ und sich ihm annähern.

Zugang findet die Wissenschaft einerseits durch ein Gespräch mit dem Schlafenden nach dem Aufwachen (die sog. Traumerinnerung) oder durch die wissenschaftliche Beobachtung z.B. in sog. Schlaflaboren. Durch Messungen der Hirnströme, der Atmung, der Herzfrequenz etc. hat man herausgefunden, dass der Schlaf in einem Zyklus stattfindet, der in verschiedene Phasen unterteilt ist. Gönnen wir uns – in Gedanken – eine Mütze Schlaf und reisen einmal kurz durch die Nacht.

REISE DURCH DIE NACHT

Müdigkeit

Sorry, wir gähnen einmal kurz. Denn mit einem Lichtwechsel beginnt die Nacht. Tatsächlich melden lichtempfindliche Zellen dem Gehirn: Zeit für die Nachtruhe. Melatonin wird ausgeschüttet. Man nennt es auch das Hormon der Nacht.

Einschlafen

Das Melatonin beginnt zu wirken, die Muskelspannung sinkt, die Reaktionszeiten werden träge. Wir knipsen das Licht aus und schließen die Augen. Ruhige Alpha-Wellen lösen die schnellen Hirnstromwellen ab, die unseren Wach-Zustand dominieren. Die Augen rollen langsam. Ein Mediziner, der einen Probanden z.B. im Schlaflabor beobachtet, stellt jetzt fest: Dieser Mensch schläft gleich ein.

Tiefschlaf

Das Bewusstsein hat sich gewissermaßen von den Sinnen zurückgezogen. Jetzt sinken wir in den tiefsten Schlafzustand, den wir erreichen können. Das Gehirn verbraucht ca. die Hälfte weniger Energie als im Wachen. Erholungsprozesse werden gestartet, der Fettstoffwechsel und das Immunsystem werden reguliert. Auch die Wundheilung wird gefördert. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass unser Gehirn jetzt entrümpelt wird. Synapsen-Aktivitäten, die sich tagsüber neu gebildet haben, aber nicht wirklich als erinnerungswürdig „eingeschätzt“ werden, scheinen sich zu verflüchtigen. Platz für Neues wird frei.

Träumen

Anhand von Hirnstromkurven können Forscher erkennen, dass es nach der Phase des Tiefschlafes richtig unruhig wird im Schlafenden. Im Gehirn scheint auf einmal genauso viel los zu sein wie am Tag. Die Augen beginnen zu zucken, weswegen man auch von der Rapid Eye Movement  (REM) Phase spricht. Es geht rund, auch wenn man von außen betrachtet tatsächlich das Gefühl hat, dass der Schlafende tatsächlich schläft. Aber innen tut sich eine Menge. Die Atmung geht schneller, Blutdruck und Herzfrequenz steigen. Teile der Großhirnrinde erwachen aus dem Tiefschlaf. Der Schläfer träumt. R. Stickgold von der Harvard University meint: „Das Gehirn arbeitet wie ein Webbrowser. Es gliedert neue Erfahrungen ein, indem es durch verschiedene Gedächtnissysteme surft, um Assoziationen und Verknüpfungen herzustellen, die uns helfen, die Welt zu verstehen.“

Was uns an dieser Stelle interessiert, ist der folgende Punkt: Was wäre eigentlich, wenn wir in dieser Phase des Träumens selber die Regie übernehmen? (Übrigens: Die Welt der Träume behandeln wir ausführlich und intensiv im gleichnamigen Lexikon-Beitrag).

REGIE FÜHREN IM TRAUM

In der eben geschilderten Reise durch die Nacht ist das Träumen sozusagen sich selbst überlassen. Das Träumen folgt seinem eigenen Muster. Und es erfüllt dabei scheinbar eine ganze Reihe von Funktionen. Auch wenn die Wissenschaft an dieser Stelle nicht das eine integrierende Erklärungsmodell vorzuweisen hat, so kann man vermuten, dass der Traum produktiv ist für unser waches Leben. Zum Beispiel für die Gehirnreifung, die Verarbeitung und das Lösen von Problemen aus dem Wachleben, zur Verarbeitung von angstbesetzten Inhalten oder um emotionale Erlebnisse zu verarbeiten und Stimmungen zu glätten. Kurzum: Das Gehirn durchspielt die Erlebnisse des Tages, aber es sucht auch nach neuen Zusammenhängen. Träume festigen nicht nur Erinnerungen, sie fördern auch neue Einsichten zu Tage.

Was also wäre, wenn wir dieses Potential selber steuern könnten? Der Trauminhalt wird durch den eigenen Geist produziert. Insofern bilden die eigene Vorstellungskraft und Erwartungshaltung die einzige Grenze all dessen, was im Klartraum möglich ist.

Der bereits erwähnte Paul Tholey meint, dass der Klarträumer im Klartraum folgende Grundhaltungen annehmen kann:

  • Der Klarträumer erkennt, dass er träumt und setzt sich neue Handlungsziele. Da er weiß, dass er träumt, kann er sich Ziele setzen, von denen er weiß, dass sie im wachen Zustand gefährlich hanebüchen oder unangemessen wären.
  • Der Klarträumer erkennt, dass er träumt und versucht Ziele und Vorsätze, die er auch im Wachzustand verfolgt auszuprobieren und zu verbessern.
  • Der Klarträumer erkennt, dass er träumt, lässt aber den Traum gemäß des „Traummusters“ weiterlaufen und beobachtet ihn nur.

 

NUTZEN VON KLARTRÄUMEN


Aus den genannten Grundhaltungen ergeben sich verschiedene nützliche Funktionen des Klartraums. Der spannende Reiz besteht darin, etwas zu tun, was im realen Leben nicht möglich ist. Fliegen oder schweben im Traum – das kann schlichtweg einfach nur Spaß bringen. Große Feuerbälle in Richtung Finanzamt schleudern (nicht das wir es hier empfehlen würden) – all solche Abenteuerfantasien sind im Klartraum möglich.

Klarträume finden aber auch Anwendung im Sport. So lässt sich ein motorisches Training, was im Wachzustand eingeübt wurde, im Klartraum vertiefen. Der Speerwerfer kann also im Klartraum seine minutiös trainierten Bewegungsabläufe dadurch quasi im Schlaf weiter üben.

Hilfreich können Klarträume auch in der Psychotherapie sein. Etwa in der Alptraumbehandlung. Ein Klarträumer hat hier den Vorteil, dass er sich bewusst mit den Alptraumfiguren auseinandersetzen und den Traum in eine andere Richtung lenken kann.

Auch für das kreative künstlerische Schaffen können Klarträume eine nützliche Funktion haben. Berichtet wird von Künstlern, die zum Beispiel Melodien im Klartraum komponiert haben oder deren Klarträume in Bildkompositionen gemündet sind.

KANN MAN KLARTRÄUMEN ERLERNEN?


Man kann davon ausgehen, dass klarträumen prinzipiell erlernbar ist. Die Menschen unterscheiden sich allerdings darin, wie schnell sie es erlernen und welche Methode dabei jeweils die effektivste ist. Zwei grundsätzliche Methoden lassen sich zunächst unterscheiden:

  • „Dream Induced Lucid Dream“ ist eine Technik, die Klarheit erzeugt. Der Träumer erkennt während des Traums, dass er träumt und wird dann klar. Diese Techniken basieren vor allem auf dem Training des Bewusstseins im Wachen, so dass es auch in den Traum übergeht.
  • „Waking Induced Lucid Dream“ ist eine Technik, die Klarheit bewahrt. Hierbei versucht man, den Einschlafvorgang bewusst mitzuerleben, um dann in einen Klartraum überzugehen.

 

Daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer Methoden. Einen guten Überblick findet man hier.

FAZIT UND TIPPS


Der Träumer – rein oberflächlich betrachtet, steht er beim allgemeinen Vergleich menschlicher Typologien wahrscheinlich nicht auf der Pole-Position. Träumen wird behandelt als sei es das Gegenteil von machen. Träumer gelten immer als etwas merkwürdig, realitätsfremd und durchsetzungsschwach. Schaut man genauer hin, muss man allerdings festhalten: alle Menschen träumen. Und das nicht zu knapp. Insofern ist es durchaus ratsam, sich mit den Träumen und eben auch mit den Klarträumen genauer zu beschäftigen. Traumzeit ist Lebenszeit. Wohl dem, der das Leben in seinen Träumen kennt und womöglich sogar beeinflussen kann.

Mit den eigenen Träumen sollte man nicht spielen, sagen die einen. Die eigenen Träume bergen viel Potenzial für nützliche Anwendungen, sagen die anderen. Nicht nur seriöse Wissenschaftler, sondern auch findige Geschäftemacher, spirituelle Höhenflieger und Wundermittel-Anbieter finden sich im Umfeld des Themas Klarträume. Wer sich für die Thematik interessiert, sollte sich ihr behutsam annähern. Viele nützliche Informationen finden sich z.B. im klartraum-wiki. Was für Dich richtig ist, kannst nur Du selbst herausfinden. Wir wünschen Dir in jedem Fall, dass Deine Beschäftigung mit dem Thema einfach traumhaft wird.

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