Getrennte Betten: Fluch oder Segen?

GETRENNTE BETTEN – FLUCH ODER SEGEN ?


Die modernen Schlafgewohnheiten sind zwar in unserer heutigen Zeit immer mal wieder durchgelüftet worden, aber die Frage „getrennte Betten“ ist weitgehend noch ein Tabu-Thema. Das liegt auch daran, dass das Schlafzimmer als Barometer der Beziehung gilt. Viele denken immer noch: Ein Paar im gemeinsamen Doppelbett = alles o.k. Ein Paar in getrennten Betten = es kriselt. Ist das wirklich so? Spiegeln Schlafgewohnheiten tatsächlich die Qualität einer Beziehung wider? Was sagt die Wissenschaft? Wir tasten uns vor in die Dunkelkammer moderner Beziehungswelten, schalten die Nachttischlampe an und versuchen, etwas Licht ins Dunkle zu bringen.

DER SCHLAF – EIN EGO-TRIP


Wenn wir eine pur egozentrische Beschäftigung bei uns Menschen suchen müssten, würden wir beim Schlaf fündig werden. Das muss nicht verwundern, denn wenn wir zur Ruhe kommen und Erholung suchen, übernimmt unser “Autopilot” die Regie. Ich schlafe zwar, aber ich bin dennoch auch sehr aktiv. Und das bleibt ihm oder ihr neben uns nicht immer verborgen. Der Körper wälzt sich im Bett, erhebt sich leicht, sinkt zurück auf die Matratze, die dabei leicht hüpft. Da kommt man schon mal auf bis zu 50 kleinere Bewegungen pro Mensch und Nacht. Bei Hitze oder Stress erhöht sich diese Anzahl sogar. Bei aller Liebe fragen wir inmitten dieser Betriebsamkeit nicht: Du Schatz, stört es Dich, wenn ich mich mal kurz drehe. Ganz zu schweigen vom Schnarchen. Was auch sehr schwer fiele, denn Turbo-Schnarcher können bis zu 90 Dezibel Lautstärke erreichen. Dann wäre da auch noch die Welt der Träume und besonders die der Alpträume. Im Laufe einer Nacht absolvieren wir mehrere 90-minütige Zyklen aus verschiedenen Schlafstadien und dem sogenannten REM-Schlaf (Rapid Eye Movement). In dieser  Schlafphase träumen wir besonders intensiv. Hier finden in der Regel auch die Alpträume statt. Schreckt man schweißgebadet hoch aus einem finsteren Trip, wird der Partner bisweilen auch gleich wach. Kurzum: Das Schlafen des Anderen kann manchmal ganz schön nerven. Schlafforscher Gerhard Klösch von der Medizinischen Universität Wien bringt das zu der Feststellung: „Es ist nach wie vor ein großes Mysterium und erstaunlich, wie tolerant Partner sind“. Zumal diese Partner häufig auch noch unterschiedliche Chronotypen sind. Chrono… was? Schauen wir uns kurz an, was sich hinter dem Begriff Chronotyp verbirgt.

DER INDIVIDUELLE SCHLAF-WACH-RHYTHMUS


Jeder Jeck tickt anders… Bezogen auf den Schlaf können wir das wortwörtlich nehmen. Herausgefunden hat das die Chronobiologie. Sie untersucht die biologischen Rhythmen, denen der Mensch folgt. Taktgeber in uns ist eine Art innere Uhr. Sie ist genetisch bedingt und besteht aus einem stecknadelkopfgroßen Nervenzell-Knoten, der auf den Zungenbrecher-Namen “suprachiasmatischer Kern” hört und sich gut zwei Zentimeter hinter der Nasenwurzel im Gehirn befindet. Diese innere Uhr steuert die einzelnen Zell-Uhren, also beispielsweise die Ausschüttung des Hormons Melatonin, den Blutdruck oder den Stoffwechsel. Physiologische und biochemische Prozesse laufen dank der inneren Uhr in Zyklen ab. Diese innere Uhr hat jeder Mensch und im Gegensatz zur Uhr am Handgelenk kann man hier – bildlich gesprochen – die Swatch nicht einfach ab- und die Rolex anlegen.

Alles schön und gut, aber was hat das nun mit unseren Schlafgewohnheiten und den getrennten Betten zu tun? Tatsächlich sehr viel, denn die Chronobiologie unterscheidet drei Typen von Menschen:

  • den Morgentyp

  • den Abendtyp

  • den Misch-Chronotypen

 

VORHANG AUF FÜR DEN MORGENTYP

Wer sehr früh aufsteht und morgens schon hellwach ist, gehört in der Regel zu den Morgentypen (umgangssprachlich auch: Lerche). Schon früh morgens ist dieser Chronotyp in einer guten geistigen Form. Richtung Abend stellt sich dann früher eine gewisse Müdigkeit ein. Konzerte, Partys, Theaterbesuche – für die meisten Lerchen sind solche Aktivitäten mit gewissen Mühen verbunden.

VORHANG AUF FÜR DEN ABENDTYP

Der frühe Morgen ist nicht unbedingt der Freund des Abendtypen (umgangssprachlich auch: Eule). Er quält sich aus dem Bett. Seine innere Uhr signalisiert ihm eigentlich Schlaf weiter. Auch der Verdauungsapparat ist noch nicht auf Betriebstemperatur, das Frühstück daher auch nicht wirklich eine Verheißung. So manch eine Eule ist erst so richtig auf der Höhe, wenn die ein oder andere Lerche bereits das Tagestief erreichen. Abends sieht die Welt dann schon ganz anders aus: Fitnessstudio, kein Problem. Die volle Party-Distanz – für die Eule eher die Regel als die Ausnahme.

VORHANG AUF FÜR DEN MISCH-CHRONOTYPEN

Viele Menschen werden weder extrem früh noch besonders spät wach. Sie erleben ein Hoch am späten Vormittag und ein Tief am frühen Nachmittag. Körpertemperatur und Blutdruck weisen spätnachmittags bis abends höhere Werte auf als in den frühen Morgenstunden. Diese Mischtypen sind mal mehr Lerche und mal mehr Eule.

KANN DIE EULE MIT DER LERCHE?


Folgen wir dem Schlafforscher Dr. Hans-Günter Weeß, so gibt es Studien, die uns zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen Schlaf, Paarverhalten und Partnerzufriedenheit besteht. So beeinflusst auch der Chronotyp die Qualität der Beziehung. Paare mit ähnlichem Chronotypus zeigten in einzelnen Studien, dass sie partnerschaftliche Konflikte besser lösen können. Lebt eine extreme Lerche mit einer extremen Eule zusammen, überschneiden sich ihre aktiven Zeitfenster seltener. Sie haben also in der Regel weniger Zeit füreinander. Sollte man also bei der Partnerwahl auch den Chronotypus checken im Sinne von: Gleich und gleich gesellt sich gern?

Maike Bulian von der Universität in Landau hat das per Online-Befragung, an der 588 Personen teilnahmen, untersucht. „Ob unterschiedliche oder gleiche Chronotypen in einer Beziehung zusammenleben, entscheidet nach dieser neuen Studie nicht über die Partnerzufriedenheit”, so die Bilanz. Von den Paaren, die befragt wurde, hatten nur 46% den gleichen und 54% einen unterschiedlichen Chronotyp. Was auf den ersten Blick verblüfft, hat einen simplen Hintergrund. Eulen und Lerchen mit einem gewachsenen Autonomiebedürfnis haben schlicht mehr Zeit für sich, wenn der Partner oder die Partnerin ein anderer Zeittyp sind. So kann die Lerche morgens zum Beispiel ganz ungestört ihren Fitness-Interessen nachgehen, während die Eule noch liegen bleibt. Und die Eule sieht am späten Abend noch einen Actionfilm, während die Lerche bereits in die Einschlafphase hinein dämmert. Paarzufriedenheit bedeutet schlussendlich nicht, dass man immer alles zusammen machen muss. Allerdings sollte man auch bedenken…

WO EULE DRAUFSTEHT, IST KEINE LERCHE DRIN


Studien haben gezeigt, dass verschiedene Chronotypen nicht nur etwas über das Schlafverhalten aussagen, sondern auch über persönliche Eigenschaften. Und das ganz unabhängig davon, ob sie Mann oder Frau sind. Nur ein Beispiel: Abendmenschen sollen emotional unbeständiger und anfälliger für eine Sucht sein, ob das nun Zigaretten, Alkohol oder Kaffee ist. Wenn also eine Lerche und eine Eule eine Beziehung führen, dann gibt es nicht nur hinsichtlich der Schlafgewohnheiten Redebedarf. Die Balance in der Beziehung zu finden, dürfte noch mehr Facetten haben als bei zwei einigermaßen identischen Chronotypen. Es ist wichtig, das festzuhalten, denn ein Faktor für einen gesunden Paarschlaf ist auch die allgemeine Beziehungsqualität, wie wir jetzt sehen werden.

PAARSCHLAF UNTER BEOBACHTUNG


Ein Forschungsteam der Universität Kiel hat sich für die Frage interessiert, inwiefern sich der Paarschlaf auf die Schlafqualität auswirkt. Was genau im Schlaf passiert, darüber können die Schlafenden nur aus ihrer Erinnerung berichten. Solche Informationen sind also bruchstückhaft. Um sich ein besseres Bild zu verschaffen, kommt daher ein Schlaflabor zum Einsatz als das Forschungsteam seiner Fragestellung nachgeht.

WAS IST EIN SCHLAFLABOR?

Ein Schlaflabor ist eine Anordnung, die den Schlaf von Patienten untersucht (Polysomnographie). Es besteht aus einem Patientenzimmer und einem weiteren Raum, in dem sich die Monitoring- und Aufzeichnungsgeräte befinden. Während der gesamten Nacht werden verschiedene Körperfunktionen aufgezeichnet. Dazu gehören Hirnströme, Augenbewegungen, Atmung, Muskelspannung oder Sauerstoffsättigung des Blutes. Diese Messwerte ergeben am Morgen danach ein sehr genaues Schlafprofil der einzelnen Schlafstadien (zum Beispiel Wachzustand, REM-Schlaf, Tiefschlaf, kurze Aufweck-Reaktionen).

ERGEBNISSE AUS DEM SCHLAFLABOR

Um den Zusammenhang zwischen Paarschlaf und Schlafqualität zu untersuchen, hat das deutsch-dänische Forscherteam rund um Psychiater und Schlafforscher Henning Drews ein solches Schlaflabor benutzt. Das Team hatte dazu 12 Paare im Schlaflabor beobachtet und sie zusätzlich befragt. Die 24 Teilnehmer verbrachten dafür vier Nächte im Schlaflabor und schliefen teils allein, teils mit Partner oder Partnerin. Dann wurden die jeweiligen Schlafprofile miteinander verglichen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich das dauerhafte Teilen des Bettes positiv auf den REM-Schlaf auswirkt. Die Traumschlafphasen fielen beim gemeinsamen Schlaf sowohl länger, besser als auch ungestörter aus. „Die Vermutung liegt nahe, dass man dadurch emotional ausgeglichener wird“, sagt Drews. Und weiter: „Je besser der REM-Schlaf ist, desto besser kann man sozial interagieren.“

Zudem kommt das Forschungsteam zu dem Ergebnis, dass Partner ihre Schlafmuster einander anpassen. „Paare, die eine eher oberflächliche Beziehung haben, stimmen ihren Schlaf nicht so aufeinander ab“, so Drews. Wenn der Beziehung dagegen tiefere Bedeutung beigemessen wird, führt das auch zu einer stärkeren Synchronisation des Schlafes.

GETRENNTE BETTEN – EIN HEIMLICHER TREND?


Umfragen zufolge sollen nach wie vor 90 Prozent aller deutschen Paare in einem gemeinsamen Bett schlafen. Doch Experten und Schlafforscher wie der bereits zitierte Gerhard Klösch wollen festgestellt haben, dass die Paar-Schläfer stetig abnehmen. Vor allem, je älter die Menschen werden. Bisweilen kann es tatsächlich gesünder und geruhsamer sein, das Bett nicht mit dem und der Herzallerliebsten zu teilen. So kann sich zum Beispiel starkes Schnarchen auf den Schlaf des Bettpartners negativ auswirken und im schlimmsten Fall sogar zu einer dauerhaften Schlafstörung führen.

Am Rande bemerkt: Auch Architekten ist nicht verborgen geblieben, dass immer mehr Ehepaare getrennte Schlafzimmer bevorzugen, denn sie müssen in ihre Entwürfe von Einfamilienhäusern immer häufiger zwei Elternschlafzimmer hineinzeichnen.

FAZIT


Biologisch betrachtet besteht kein Grund, dass ein Paar in einem gemeinsamen Doppelbett nächtigt. Denn ein einzelner, gesunder Schlaf setzt sich einem weiteren Einflussfaktor aus. So kann es passieren, dass aus diesem einzelnen, gesunden Schlaf ein gestörter wird. Etwa, wenn der Partner ständig schnarcht oder Schlafgewohnheiten verfolgt, an die man sich eigentlich gerne anpassen würde, ohne dass es allerdings gelingt (eine besonders niedrige Raumtemperatur z.B.).

Wer das Gefühl hat, dass der eigene Schlaf unter dem gemeinsamen leidet, sollte das Gespräch mit seinem Partner bzw. seiner Partnerin suchen. Liebe kann bekanntlich Berge versetzen. So ist zu beobachten, dass Paare ihre Schlafgewohnheiten und -rhythmen im Laufe ihrer Beziehung synchronisieren und dann sogar (s. Ergebnisse aus dem Schlaflabor) vom gemeinsamen Schlaf im Hinblick auf die mentale Gesundheit profitieren. Doch auch die Entscheidung für getrennte Betten muss keineswegs eine Gefahr für die Beziehung darstellen. Sie kann sogar aus den o.g. Gründen ein Gebot der späten Stunde sein. Entscheidend ist das eigene Gefühl: Augen zu und durch, kann daher ebenso angemessen sein wie Augen zu und ab in die Solo-Koje. Eine erfüllte Partnerschaft können wir Menschen in beiden Varianten führen.

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